Henrik Kniberg zeichnete 2016 ein Bild (Link ) über die Vorzüge agiler Prozesse und prägte den Begriff des Minimal Lovable Products (MLP) – also der kleinsten zu liebenden Version eines Produktes. Das Bild ging viral. Denn es metaphrasierte wie kein anderes, worum es bei inkrementeller (schrittweiser) Entwicklungen gehen sollte. Wir möchten heute etwas genauer darauf eingehen und erklären, warum wir von dieser Vorgehensweise und Knibergs Metapher so überzeugt sind.

Was war zu sehen? Knibergs erste Skizze zeigt ein Auto, welches er in Einzelteile zerlegte, um die prozessualen Abschnitte zu verdeutlichen. Im ersten Schritt entstanden die Räder, darauf folgte der Unterbau, darauf die Karosserie und schließlich – du ahnst es – das fertige Auto. Im Ganzen, war also ein klassischer inkrementeller Prozess zu sehen, welcher auf Grund seiner Vorzüge in Übersichtlichkeit, Planbarkeit, Transparenz und Kontrolle zwischen dem Kunden/Nutzer und dem Autohersteller vereinbart wurde.

Das Problem? Der Hersteller konzentrierte sich – wie von ihm verlangt – zunächst auf die Reifen, anschließend auf den Unterbau, dann auf die Karosserie und so weiter. Der Frust des Kunden war groß, denn nach Wochen der Zusammenarbeit sah er immer noch kein Auto, sondern lediglich Einzelteile:  »Warum zum Teufel liefern Sie mir einen Reifen? Ich habe ein Auto bestellt! Was soll ich damit bloß anfangen?«. Der Frust des Kunden ist nachvollziehbar. Dennoch scheint auch er nicht ganz unschuldig an der Misere. Ihm, wie auch seinem Projektpartner, unterläuft ein entscheidender Fehler. Beide einigen sich scheinbar initial auf den Anspruch, das perfekte Produkt als Ergebnis haben zu wollen: »Bauen Sie das Ding bis zu 100% fertig und liefern Sie es am Ende«. [siehe hierzu auch unseren Artikel über das Dilemma zwischen perfekt und fertig ].

Agiles Projektmanagement setzt genau an diesem Punkt an, indem es auf eine engere wie transparente Zusammenarbeit der beteiligten Parteien setzt und in sogenannten Interationen – also Teilergebnissen – denkt. Im Ergebnis wird so der Prozess engmaschiger; der Erfolg wahrscheinlicher.

Hier kommt das Skateboard ins Spiel. Wir haben also gelernt, dass inkrementelle Prozesse, klassischen in vielerlei Hinsicht überlegen sein können. Doch sie erfordern einen vertrauensvollen Umgang und transparente Prozesse, welche das Ergebnis in den Mittelpunkt der Arbeit stellen. Um Fehler – wie jene in Knibergs Metapher – vermeiden zu können, hat er eine weitere in petto: das Skateboard.

Wie es besser funktioniert.

Selber Kontext, anderer Ansatz. Wieder soll ein Auto gebaut werden. Doch statt sich lediglich auf das Auto als solches zu konzentrieren, stellen wir das zugrunde liegende Bedürfnis des Kunden in den Fokus. Aus Auto wird so Mobilität. Mit dieser Erkenntnis macht sich das Team nun an die Arbeit. Es liefert also das Kleinste, was es sich vorstellen kann, sodass wertvolles Feedback des Kunden (und dessen Kunden) eingeholt werden kann. In diesem Fall, ein Skateboard – das Minimal Lovable Produkt des Bedürfnisses.

Als Kunde wirst du damit kaum zufrieden sein – schließlich hattest du ein Auto erwartet. Doch das ist ok. Das Ziel dieser Phase ist nicht, eine adäquate Lösung für das Problem des Kunden zu liefern, sondern durch die so entstandene Interation das maximale Learning für die nächste Entwicklungs­stufe zu erhalten. Der Unterschied: im Gegensatz zu einzelnen Autoteilen, besitzen wir in dieser Phase ein funktions­fähiges Produkt, dass dem Wunsch nach Mobilität entspricht. Das Ziel ist und bleibt ein Auto, nur der Weg dorthin ist ein anderer. Wir nähern uns in kleinen, autark funktionierenden Schritten. Selbst wenn diese Schritte noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, so geben sie allemal dem Team wichtige Erkenntnisse.

»Aim for the clouds, but swallow your pride and start by delivering the skateboard.«

Henrik Kniberg

Mit diesem Mindset im Rucksack, wird so aus dem Skateboard ein Roller. Dessen Reichweite und Fahrkomfort sind dabei direkte Weiterentwicklungen aus den  kleineren Runden, welche wir innerhalb des Firmengeländes mit unserem Skateboard drehen konnten. Nicht nur das Team des Autoherstellers lernt, sondern auch der Kunde, der seine Erwartungen so konkret gar nicht ausformulieren konnte. Er merkt beispielsweise, dass das Gefühl von frischer Luft im Gesicht ein toller Nebeneffekt der Fortbewegung ist.

»Aber hätten wir das nicht schon wissen sollen? Über eine Vorabanalyse des Kundenkontexts und der Bedürfnisse?« Guter Punkt. In der Realität lässt sich jedoch beobachten, dass viele theoretische Annahmen den Erkenntnissen eines iterativen Lerneffekts unterlegen sind. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass (Markt-)Analysen, (Modell-)Szenarien und strategische Überlegungen ausbleiben sollten. Unser Plädoyer: Statt die Grenzen des Theoretischen mit jenen des Prototypings all zu trennscharf zu gestalten, laufe los und lerne auf dem gemeinsamen Weg.

Wir arbeiten weiter. Aus dem Rad wird ein Roller, aus dem Roller ein Auto. Doch Moment. War da nicht etwas mit frischer Luft? Durch die Erkenntnisse des schrittweisen Vorgehens, wissen wir um die Vorzüge des erfrischenden Fahrtwindes und bauen ein Cabrio – der Kunde bekommt ein besseres Auto als ursprünglich geplant.